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Resümee

I Einleitungsgesabbel

So, die Überführung ist geschafft. Ich gebe zu, ich bin danach in eine Art Loch gefallen aber dazu später vielleicht mehr.

Zunächst einmal eine Art technisches Resümee.

Nicht selten wurde ich gefragt, ob sich das Ganze wirtschaftlich gelohnt hat.

Die Angebote, welche ich zur Überführung per LKW vorliegen hatte, lagen im Bereich zwischen 7.000,00 EUR und 10.000,00 EUR. Ich bin kalkulatorisch von 8.500,00 EUR ausgegangen. Der ganze Spaß hätte mit Einholung sämtlicher Genehmigungen circa drei Wochen gedauert.

Hier muss sich zunächst eines vorausschicken. Wenn Kostenersparnis auch ein erhoffter Nebeneffekt der Reise war, so ging es mir prinzipiell um etwas Anderes.

Im Mittelmeer segeln, Gibraltar passieren, die Biskaya zu überqueren, den englischen Kanal zu durchfahren, Delfine und all die Küstenbereiche zu sehen und nicht zuletzt, auch die vielen Städte auf eigenem Kiel anzufahren sind die Träume vieler Segler. Es waren auch meine Träume.

Bei mir kamen noch das Interesse an Wissensbereicherung hinzu. Ja, ich bin einer derer, die immer gerne lernen.

All das wäre bei mir das erste Mal. Dazu die ersten Nachtfahrten, die ersten Passagen großer Städte, das Anlaufen diverser Häfen mit Mooring und Bojen, die vielen Grenzübertritte mit Aus- und Einklarieren. Meine ersten Versuche, auch eine fremde, also eine nicht familiär gebundene Crew zu führen standen auf diesem Trip an.

Kurz gesagt, die Tatsache, viel Geld auf den Tisch zu legen, um all dies nicht zu erleben, bereitete mir Magenschmerzen. Nicht im umgangssprachlichen Sinn, nein, im wörtlichen Sinn. Ich hatte Bauchweh. Bauchweh bis zu genau diesem Augenblick, in dem ich, während einer Autofahrt entschied, es wird gesegelt.

II Daten / Kosten

Die Reise wurde in 20 Etappen ausgeführt. Hierbei nur der Ordnunghalber der Hinweis, dass ich Tarifa nur für zwei Stunden angelaufen habe. Nach einer kurzen, notwendigen Gedankenpause bin ich jedoch umgehend weiter gefahren. Nach insgesamt drei Kontrollen durch unterschiedliche Polizeibehörden.

Veli IzKremik55nM
KremikKomiza36nM
KomizaBari126nM
BariRoccella290nM
RoccellaCatania70nM
CataniaLiceta165nM
LicetaVilasimius259nM
VilasimiusMao270nM
MaoValencia270nM
ValenciaAlmerimar261nM
AlmerimarTarifa170nM
TarifaPortimao120nM
PortimaoPorto270nM
PortoLeixoes6nM
LeixoesA Coruna178nM
A CorunaCamaret sur mer360nM
Camaret sur merDieppe279nM
DieppeOostende120nM
OostendeAmsterdam144nM
AmsterdamLelysatd20nM

Auf diese Weise sind insgesamt 3.469 nautische Meilen zusammengekommen.

Wenn es nun um die konkreten Kosten geht, gibt es eine differenzierte Betrachtung.

Die Gesamtkosten berechnen sich wie folgt:

Diesel832EUR
An- und Abreisekosten1830EUR
Hafenkosten1182EUR
Gesamt3844EUR

Ich kalkuliere für mich jedoch anders, da ich die Kosten der Herbst- und Osterferien, also die Teile der Fahrt, welche ich gemeinsam mit meiner Familie als Urlaub verbracht habe, nicht in die Kosten einbeziehe. Wären wir, was regelmäßig der Fall ist, anderweitig in Urlaub gefahren, hätte es uns mehr gekostet.

So berechne ich für mich die Kosten der Überführung so:

Diesel416EUR
An- und Abreisekosten810EUR
Hafenkosten839 EUR
Gesamt2065EUR

Ferner sind angefallen Kosten für die Reparatur des Großsegels in Valencia in Höhe von 160 EUR sowie die eines Reparatursatzes für die Umwälzpumpe inklusive Einbau von 1.119 EUR. Hier muss jeder selbst prüfen, ob man sie einbezieht. Für mich sind es Kosten, welche auch so angefallen wären.

Für mich steht daher fest, gleich wie ich es berechne, wirtschaftlich war es zumindest nicht kostspieliger als der Transport per LKW. 😉

III persönliches Resümee

Persönlich hat sich die Reise für mich mehr als gerechnet. Die Herausforderungen, denen ich mich stellen durfte und musste haben mich auf eine Weise weitergebracht, wie es wenige Erlebnisse in meinem geschafft haben. Dabei geht es mir nicht nur um meine seglerischen Skills.

Ich bin durch meine Reise nun kein  Segelprofi, kein alter Hase aber ich bin halt auch kein unerfahrener Anfänger mehr. Bin ich in den vergangenen Jahren circa 3.000 nM gesegelt, so gab es in diesen Jahren einen anfangs steilen, dann aber doch eher stetig flachen Erfahrungszuwachs. Aus Ijsselmeer wurde die Nordsee, zu strömungsfrei gesellten sich die Gezeiten des Waddenmeeres. Wenn auch schon bei Dunkelheit gefahren, gab es keine wirklichen Nachtfahrten. Ablegen bei 3 Bft war normal, bei 5 Bft wurde nachgedacht und nicht selten auch abgesagt.

Dies ist nun anders. Nachtfahrten, auch mehrere am Stück, sind normal, Windstärken bis 40 Knoten suche ich mir nicht aus, habe sie aber mehrfach gemeistert, Distanzen von 300 nM und mehr schrecken mich nicht ab und Gezeiten an der portugiesischen und französischen Küsten sind handlebar.

Ich weiß wann ich reffe, will sagen, ich reffe früher. Ich entscheide wenn möglich und nötig und verliere mich nicht mehr in unsinnigen Planungen. Ich komme nun mit dem AIS wirklich gut zurecht und der Funk hat seinen Schrecken verloren.

Da gibt es noch einiges, was ich wirklich lernen und anwenden durfte.

Aber daneben gab es noch Anderes.

Für viele mag es sich lächerlich darstellen aber die Reiserei, das Heraussuchen bestehender An- und Abreisemöglichkeiten, die Ungewissheit, wann und wie ich eigentlich nach Hause gelange, dies waren die Punkte, welche mich fast noch mehr beeinträchtigt haben. Hierzu muss man wissen, vor wenigen Jahren war, wenn ich Samstag verreisen wollte, alles, wirklich alles bereits zwei Wochen vorher geplant und die Reisetasche stand spätestens Donnerstag fertig im Wohnzimmer.

Von dieser Art der Reisetätigkeit muss man, will man solch eine Sache, wie meine Etappenüberführung erleben, schlicht hinter sich lassen. Ich habe es hinter mir gelassen. Irgendwie komme ich heim. Ein ausreichendes Zeitpolster einbauen und alle Möglichkeiten, Flieger, Bus, BlaBlaCar, Taxi und auch E-Tretroller berücksichtigen, die heimischen und lokalen Feiertage beachten und es wird passen. Ich kam immer gut zu meinen Liebsten.

Angst. Nein, wirkliche Angst habe ich nicht erfahren. Ich habe bereits in den vergangenen Jahren über mich gelernt, dass ich bei größeren, gefahrverbundenen Tätigkeiten ein bedrückendes Gefühl verspüre. Ich habe aber auch gelernt, darauf zu hören. Es ist eine Warnfunktion. Sie macht mich wach, sie lässt mich nachdenken. Meist komme ich zu dem Ergebnis, alles gut, die Bedingungen stimmen.

Aber ja, manchmal gelangte ich in der Vergangenheit auch zu dem Ergebnis, lass es. So zum Beispiel, als aus London Texel wurde.

Auch auf dieser reise hörte ich auf meinen Bauch. Wir kehrten zurück nach Liceta. Der Wind mit 38 Knoten war gut zu segeln, jedoch wäre es nicht klug gewesen, unnötig lange darin zu verweilen. Ich vertraue meinem Bauchgefühl und halte es daher nicht für echte Angst.

Und da ist dann noch die Psyche.

Ich weiß nicht, wie es anderen geht aber für mich muss ich sagen, die Psyche ist nicht zu vernachlässigen.

Zu wissen, dass man weit draußen ist, dass man für zwei oder drei Tage kein Land sieht, mit keinen anderen Menschen sprechen kann, war für mich seltsam. Ich bin grundsätzlich gerne gelegentlich allein aber immer hatte ich bislang die Möglichkeit, dies jederzeit umgehend zu beenden. Dies ging bei dieser Reise nicht.  

Fehlende Sonne, das manchmal tiefschwarze Meer, Regen oder Starkwind, können sich erheblich auf die Stimmung auswirken. Ohne es hier an dieser Stelle zu vertiefen aber dies war für mich die größte, die schwerste Herausforderung, welcher ich mich stellen musste. Es war die Herausforderung, welche ich habe kommen sehen, welche ich bewusst einging. Aber auch dies habe ich, mehr oder weniger erfolgreich hinter mich gebracht.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Doris Abraham

    Hallo Joachim,
    ich verfolge seit einiger Zeit sehr interessiert die Blogeinträge zu Ihrer Bootüberführung (sehr unterhaltsam und authentisch). Aus meiner Sicht eine mutige Entscheidung (da muss man schon Cojones haben). Mein Vater war Schiffbaumeister, wir hatten eine Yacht in Norddeich und sind als Familie jahrzehntelang wochenends und in den Ferien gesegelt. Weiteste Strecke: in 4 Wochen nach Schweden via Limfjord und zurück. Haben damals viel erlebt auf dieser Tour.
    Mein Gatte und ich überlegen ebenfalls, ein Segelboot anzuschaffen. Da mein Mann keinerlei Segelerfahrung hat und der Bootsführerschein noch ansteht, wird der Traum noch etwas auf sich warten lassen… Ihre Beiträge sind sehr inspirierend. Schreiben Sie gerne weiter über Ihre Segeltörns. Ihnen und Ihrer Familie alles Gute!

    1. Pete [Piet]

      Liebe Doris,
      ich danke Dir für Deine netten Worte. Du verzeihst mir, so hoffe ich, das Du aber durch das Internet habe ich mir das Sie nahezu komplett abgewöhnt und Segler unter sich duzen sich erst recht. 😉

      Ich gebe mir Mühe, ehrlich zu schreiben. Ich möchte meine Freude nirgends unterdrücken, es jedoch auch nicht besser erscheinen lassen, als es manchmal ist. Nach Schweden zu segeln klingt spannend. Ich war bis jetzt per Segelboot in Dänemark aber Schweden, und auch Norwegen, sind eingeplant.

      Und für mich war die Entscheidung weniger mutig, sie war befreiend.

      Was Euren Traum betrifft, so wartet nicht. Fangt an! Lernen kann und muss man währenddessen. Nichts stelle ich mir schlimmer vor als irgendwann zu erfahren, dass man zu lange gewartet hat.

      Falls Du Lust und Zeit hast, lege ich Dir auch diese Texte hier ans Herz. Ich veröffentliche dort gelegentlich kleinere Texte rund um die Segelei.

      https://segelnundso.de/segelbuch/

      Liebe Grüße, Joachim Peter
      P.S.: Eure Tochter heißt zufällig Lxxa?

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