Wie wird man Segler

Wer sich, wie ich entscheidet, den Weg des Seglers einzuschlagen, der steht unweigerlich vor der Frage, wie werde ich ein Segler. Dabei geht es sicherlich um die Erlangung der theoretischen und praktischen Kenntnisse aber, insbesondere als regelverwöhnter deutscher Staatsbürger, stellt man sich die Frage, welchen Führerschein oder welche Lizenz man benötigt um auf dem Wasser einen vom Wind angetrieben das Fahrzeug von A nach B zu bewegen.

So ging es auch mir. Man mag jetzt denken, als Jurist kennt man sich mit so etwas aus oder es fällt einem leichter die entsprechenden Antworten zu finden und ich muss eingestehen, auch ich dachte das, wurde aber ziemlich zügig eines Besseren belehrt.

Im Internet kursierten verschiedene Aussagen. Vom Segelschein, Segelgrundschein, Yachtschein über die diversen Sportbootführerscheine, bis hin zur Aussage, man benötigt überhaupt keine Lizenz, war alles zu finden.

Ich räume ein, die Auskunft, dass man entweder gar keine Lizenz oder eben meist nur den Sportbootführerschein See benötigt, war überwiegend vertreten, ließ sich aber irgendwie nicht mit meiner juristisch verfälschten Vorstellung vereinbaren. Daher glaubte ich dies nicht.

Ich muss eingestehen, ich war ziemlich schnell überfordert. Also, was macht man, man ruft in den verschiedenen Schulen an. War im Ergebnis nicht viel besser, eher noch schlimmer; wusste ich dort dann doch nicht, ob die wirklich keine Ahnung haben oder es zwar wissen aber den Kommerz über die Auskunft stellen.

Nun war mein Ehrgeiz erweckt. Es konnte doch nicht angehen, dass ich als zugelassener Rechtsanwalt nicht in der Lage bin zu klären, welchen Führerschein ich benötige, um die Weltmeere zu erkunden. Nein, das ging so nicht. Also studierte ich die einschlägigen Verordnungen und erfuhr, was ich mir nicht vorstellen konnte.

Warum es so unvorstellbar war, dazu gleich mehr. Zunächst, ohne Anspruch auf juristische Exaktheit Folgendes.

Wer an der Küste in den deutschen Hoheitsgewässern privat, also ohne damit Geld zu verdienen, Segeln möchte benötigt grundsätzlich erst einmal keinen Führerschein. Richtig gelesen. Keinen. Erst, wenn man sich einen Motor zulegt, welcher mehr als 15 PS leistet, muss man einen Führerschein vorlegen können. Dies wäre dann zwingend der Sportbootführerschein See, ein Führerschein rein für das Motorboot, welcher mit Segeln so gar nichts zu tun hat.

Nur zur Klarstellung, jeder der den SBF See besitzt, darf damit an der deutschen Küste und weltweit segeln und Motorboot fahren.

Wer dann noch im Binnenbereich, also auf Flüssen oder Seen fahren möchte, der benötigt den Sportbootführerschein Binnen. Dieser unterscheidet sich in SBF Binnen und Segel oder unter Motor.

Wer den SBF See bereits hat, der muss lediglich einige, wenige Fragen zusätzlich beantworten und hat auch die Binnen-Lizenz unter Motor. Einer weiteren, praktischen Prüfung bedarf es nicht.

 

Wer dann auch im Inland segeln möchte, der muss zusätzlich den Sportbootführerschein Binnen unter Segel vorlegen können. Hierzu ist dann eine weitere Prüfung erforderlich.

 

Unverständlich ist das alles für mich bis heute, da man den SBF See bekommt, in dem man einige wenige Fragen im multiple choice Verfahren beantwortet und mit einem Schlauchboot einmal anlegt, einen Kurs hält und einen Fender aus dem Wasser angeln muss, das sogenannte MOB, Mensch über Bord Manöver.

Vorbereitung bei gewisser Neigung zum Lernen und nicht vollständiger Talentfreiheit am Ruder? Wenige Stunden Theorie und 45 Minuten Praxis. Dann darf ich den größten Teil aller Motor- und Segeljachten führen.

Zur Erinnerung, wer einen Anhänger an sein Auto binden mag, der braucht ab einer bestimmten Größe einen zusätzlichen Führerschein und wer im Wald mit einer Kettensäge…ach, lassen wir das.

Ok, ich wollte es aber eben nicht mal eben am Wochenende, sondern so gut und sauber wie möglich lernen. Mir war schnell klar, die klassische Segelschule, 10 Wochen jeweils einmal die Woche abends Theorie und dann in großer Gruppe am Rhein stehend die Praxis absolvieren wäre nicht mein Ding.

Ich mag und kann es nicht beschreiben, ich bin für solche Gruppen nicht geeignet. Wenn ich ein Lehrbuch gelesen habe, dann kenne ich es und ich weiß, was darin steht. Leider gelingt es mir nicht, dieses Wissen zu unterdrücken und Verständnis für jene zu simulieren, denen dies nicht so geht. Kommt im Theorieunterricht sicher nicht so gut.

Also suchte ich mir eine Schule, die das ganze kompakt aber intensiv anbietet. Ich fand sie. Es ging nach Kiel, eine Woche auf dem Schiff leben. Tagsüber segeln und abends lernen. So war es geplant. Theorie lernen war für mich nebensächlich, denn das habe ich bereits vorher daheim absolviert. Aber das Leben auf dem Boot interessierte mich, habe ich doch noch nie einen Fuß auf ein Segelboot gestellt.

Es ging nach Kiel. Im März 2018. Man mag sich nicht daran erinnern aber der März 2018 war kalt, wirklich kalt.

Es war so kalt, dass der Anfang des Kurse von Samstag auf Sonntag verschoben werden musste, weil im Hafen alles, aber wirklich alles, zugefroren war.

Nundenn, Sonntag hin und aufs Boot.


Wir waren vier Schüler. Leider gestaltete sich der Ablauf ein wenig anders. Wir fuhren nur wenig raus und hatten Unterricht in einem Unterrichtsraum.

Das, was ich so eigentlich nicht wollte. Aber egal, die Leute waren nett. Aber es zeigte sich mein Problem. Mir gegenüber saß ein Herr, etliche Jahre älter als ich und schon mit praktischer Segelerfahrung. Nur die Theorie fiel ihm schwer und er war ob der anstehenden Prüfung nervös. Ihm gegenüber dann ich, der ich das Lehrbuch kannte und kennen meint dabei nahezu auswendig kannte. Gelegentlich war es schwer, nicht laut zu schreien…das steht doch da! Ja, ich weiß, kein besonders netter Wesenszug und ich liebe ihn auch nicht an mir aber das beste was ich heute hinbekomme ist, diesen Wesenszug zu kennen und solche Situationen zu vermeiden.

Egal, ein wenig segelten wir auch und da war sofort klar, das will ich öfter. Es war keine Frage mehr, ich will segeln.

Am Ende schloss sich die Prüfung an.

Erst die Theorie. Ich absolvierte zunächst die theoretischen Fragen für den SBF See und musste dann den Raum verlassen.

Freundlicherweise kontrollierte der Prüfer sofort meinen Bogen, so dass ich wenige Minuten später, nunmehr die erste Theorie bestanden, auch die theoretische Prüfung Binnen unter Motor und unter Segel ablegen konnte. Wenige Minuten später war ich draußen und erleichtert.

Ich weiß nicht, wer das kennt. Meine letzten, echten Prüfungen, sind lange her und beendeten mein Studium. Aber dennoch, komme ich heute in einen Prüfungsraum, ist es wieder da, dieses Gefühl von damals.

Klein und ein wenig eingeschüchtert. Aber wirklich nur ein wenig.

Anschließend ging es noch ins Schlauchboot. Ablegen, eine Runde fahren, Fender einsammeln und anlegen. Bestanden. Fertig.

Den Führerschein bekam ich wenige Tage später zugeschickt. Aber es fehlte ja noch die praktische Prüfung Binnen unter Segel. Diese konnte ich nicht in Kiel machen. Und, nebenbei, ich konnte noch nicht segeln.

Nun, wie habe ich segeln gelernt? Ich habe gelesen und viele Videos geschaut. Ja, richtig, gelesen und Videos. Ich weiß, viele denken nun, das geht nicht. Doch, es kann gehen. Dann ging es nach Düsseldorf und ich suchte mir dort im Segelverein einen Privatlehrer. Ich wollte segeln ganz klassisch auf der Jolle lernen. Jollen sind die Boote, die schon umkippen, wenn man nur daran denkt, sich zu bewegen.

Es kostete eine gewisse Überzeugungsarbeit aber dann wies man mir einen Segellehrer zu, welcher mich raus begleitete. Es mag jetzt überheblich klingen aber in dieser Stunde übten wir diverse Manöver und anschließend hieß es, ok, Du kannst auch ohne Lehrer üben und Boote ausleihen. Das habe ich dann insgesamt zehn mal gemacht. Dann noch mal eine Stunde mit Lehrer, um zu schauen, wie es läuft und kurz danach die Prüfung.

In der Prüfung wurden dann Zweierteams gebildet.

Alleine segeln ist im Prüfungsprogramm nicht vorgesehen. Mein Segelkamerad fing an und ich war der Fockaffe, also jener, der vorne sitzt und bei Bedarf das Vorsegel von der einen auf die andere Seite holt, und alles war gut. Viel Zeit zum Reden war nicht. Dann wechselten wir. Mein Kollege hatte Redebedarf. Er wollte wissen, wie ich es immer mit meinen anderen Partnern gehalten habe und wie ich es im Kurs gelernt habe. Er fiel fast vom Boot, als ich sagte, ich sei noch nie zu zweit mit der Jolle gesegelt. Egal. Alles klappte und auch ich bestand. Das war im Sommer 2018.

Inzwischen habe ich die  Sportbootführerscheine, SBF,  See und Binnen, letzteren unter Segel und Maschine, den Sportküstenschifferschein, SKS, unter Segel und Maschine, die Funklizenzen SRC und UBI erlangt sowie drei Teile der theoretischen Prüfung zum Sportseeschifferschein, SSS, abgelegt. Der Rest folgt alsbald. Und ja, ich mag Scheine aber ich denke, man wird mir eine gewisse Praxis nicht absprechen können.

So wird man Segler?
Zumindest kann man so Segler werden.


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